
Menschenwürde und Gleichheit, diese Maxime sind die Grundlage aller unserer Gesetze, unserer Gesellschaft. Zu diesen Werten bekennen wir uns. Sie sind auch die Grundlage unserer aus dem Grundgesetz abgeleiteten Bürgerrechte, die für alle Menschen in gleicher Weise gelten. Danach haben alle Menschen in unserer Gesellschaft Anspruch auf gleiche Lebenschancen.
Von gleichberechtigten Lebenschancen und gleichberechtigter Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Leben in unserer Gemeinschaft sind wir jedoch noch sehr weit entfernt.
Und das trotz inzwischen auf dem Papier ganz gut klingender rechtlicher Rahmenbedingungen. Der Gesetzgeber hat den enormen Nachholbedarf in diesem Bereich erkannt und in den letzten Jahren eine Vielzahl von Gesetzen erlassen.
Gleichstellungsgesetze des Bundes und der Länder, Antidiskriminierungsgesetz, das alles hört sich prinzipiell erst mal ganz gut an.
Ein Leitgedanke ist allen diesen Gesetze gemein: Es soll gewährleistet werden, dass alle Menschen "in allgemein üblicher Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe" am Leben in unserer Gemeinschaft teilhaben können. Barrierefreiheit -in jeglicher Hinsicht- soll die Grundlage dafür schaffen.
Leider sind jedoch die praktischen Auswirkungen dieser Vorschriften noch völlig unzureichend. Das liegt u.a. maßgeblich daran, dass man den Gedanken Barrierefreiheit schaffen zu wollen nur halbherzig angegangen ist und nicht konsequent zu Ende geführt hat. So wird die Nichtbeachtung der zuvor genannten Gesetze beispielsweise bislang noch nicht konsequent geahndet. Die Folge ist, dass wir in unserer Lebensrealität noch lange nicht die praktischen Auswirkungen dieser Gesetze vorfinden, die wir uns erhofft haben - erhoffen durften.
Wie weit wir von einer selbstverständlichen Berücksichtigung der Belange von Menschen mit Behinderung und gleichberechtigten Teilhabemöglichkeiten entfernt sind, will ich an Hand von ein paar Beispielen deutlich machen.
(zum Vergleich/Nachdenken: Bei Kaufhäusern, Behörden usw. erwartet jeder inzwischen Aufzüge und Rolltreppen. Wir wissen weder über die Kosten Bescheid, noch sind derartige Dinge heute eine Nachricht wert. Das gehört ganz selbstverständlich zum zeitgemäßen Lebensstandart!!! )
Solange sich diese Liste endlos fortsetzen lässt - und das ist leider der Fall- solange sind wir noch sehr weit von einem barrierefreien Lebensumfeld und damit von gleichen Lebenschancen und gleicher Teilhabe entfernt!
Natürlich haben wir vor Ort zusammen mit OB, Stadtrat und Stadtverwaltung und in den letzten Jahren auch Dank einer engagierten Behindertenbeauftragten auch einiges bewegen können ('Laudatio) und wir werden mit ihrer aller Unterstützung künftig sicherlich noch mehr zuwege bringen.
Trotzdem stellt sich mir die Frage: Warum konnten wir nicht mehr erreichen, warum sind wir, nicht nur in Bamberg, sondern überall in unserem Land von einer gleichberechtigten Teilhabe so weit entfernt?
Und an dieser Stelle komme ich ganz generell ins Grübeln und frage mich, warum wir in Deutschland nicht in der Lage waren mit kulturell vergleichbaren Staaten Schritt zu halten.
Ein Grund liegt sicherlich in unserer Geschichte: Die Zeit des NS Regimes war nicht nur die Zeit der Judenverfolgung sondern auch eine Zeit in der Menschen mit Behinderung systematisch stigmatisiert und verfolgt wurden. Man hätte erwarten können, dass das Nachkriegsdeutschland hier eine besondere Verantwortung erkennt und eine Vorreiterstellung einnimmt, was die Berücksichtigung der Belange von Menschen mit Behinderung angeht.
Das Gedankengut des dritten Reiches war jedoch nicht von einem Tag auf den anderen aus den Köpfen verschwunden. In den Jahren nach dem Krieg gab es zwar punktuelle Verbesserungen bei der Berücksichtigung der Belange behinderter Menschen, diese blieben jedoch ohne strukturelle Auswirkungen auf das Gesamtsystem der Bundesrepublik. Viele Jahre des Stillstandes -erst in den 90er Jahren (!) kam langsam Bewegung in diesen Bereich- sind sicherlich ein Grund dafür, dass wir heute im Verhältnis zu kulturell vergleichbaren Staaten ziemlich schlecht dastehen.
Zahlreiche Besuche in England haben mir gezeigt, was in Hinblick auf gleichberechtigte Teilhabe erreicht werden kann.
England ist kulturell mit Deutschland gut vergleichbar, hat sicherlich nicht mehr Geld als Deutschland und besitzt wesentlich mehr historische Bausubstanz. Dort hat der Mensch und damit auch Barrierefreiheit Priorität! Ich betone die historische Bausubstanz insbesondere deshalb, weil Denkmalschutz hierzulande häufig immer noch als Widerspruch zu barrierefreier Gestaltung gesehen wird.
Warum ist man dort so viel weiter? Es liegt sicherlich nicht nur an einer Vielzahl von entsprechenden Gesetzen. Gesetzen, die dort im Gegensatz zu Deutschland konsequent durchgesetzt werden und deren Nichtbeachtung dort auch konsequent sanktioniert wird.
Nein, es liegt meiner Ansicht nach auch an einem anderen Selbstverständnis der Engländer. Dort hat man ein anderes Gemeinschaftsempfinden, fühlt sich füreinander verantwortlich, setzt entsprechende Prioritäten und trifft Vorsorge, dass Menschen in jeder Lebenssituation am Leben in der Gemeinschaft teilhaben können. Denn jeder Lebenslauf -auch der als "normal" empfunden wird- erfordert entsprechende gesellschaftliche Vorsorge. Ich denke hier z.B. an Menschen mit Kleinkindern, Kinderwägen, Menschen die zeitweise gehandikapt sind, oder die immer größer werdende Gruppe älterer Menschen.
Die Schaffung eines barrierefreien Lebensumfeldes ist Vorsorge für alle Lebenslagen - und ist damit Vorsorge für jeden von uns!
Nicht nur die Engländer haben dies erkannt und die daraus resultierenden Erfordernisse in vielerlei Hinsicht bereits umgesetzt. Ein paar Beispiele zu England:
Das kostenlose Ausleihen von Skootern (Elektrofahrzeuge) in jeder größeren Stadt gehört dort gerade für ältere Menschen seit Jahren zum ganz normalen Lebensstandard ebenso, wie die Ausstattung mit Induktionsanlagen für hörgeschädigte Menschen. Wenn nicht genügend Platz für Damen- Herren- und Behinderten-WC dann gibt es meist eine Unisextoilette, die auch für Rollstuhlfahrer geeignet ist und in die selbstverständlich ein klappbarer Wickeltisch integriert ist.
Bordsteinabsenkungen mit gelben Noppenplatten gewährleisten, dass Übergänge von Menschen mit Sehproblemen sofort gesehen und von blinden Menschen ertastet werden können.
Gleichberechtigtes Miteinander und eine barrierefreie Gestaltung gerade des öffentlichen Raumes sind in England, Amerika und vielen angloamerikanischen Ländern, aber auch Skandinavien inzwischen selbstverständliche kulturelle Errungenschaften. Natürlich können wir es auch in Deutschland schaffen den Anschluss an die zuvor genannten Staaten wieder zu gewinnen. Wir müssen es nur wirklich wollen (!) und vor allem müssen wir unsere Prioritäten bei allen gesellschaftlichen Entscheidlungen entsprechend setzen.
Ich komme langsam zum Ende meiner Ausführungen und wünsche mir, dass wir uns -gerade auch in unserer schönen Weltkulturerbestadt- darauf besinnen, dass sich die Kultur einer Gesellschaft eben nicht nur im Umgang mit den bildenden Künsten oder mit dem historischen Erbe sondern in erster Linie daran zeigt, wie wir unser Miteinander gestalten, wie wir die Werte, zu denen wir uns bekennen, leben! Wenn für uns "der Mensch", nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich an erster Stelle steht, sollte die Umsetzung barrierefreier Standards als Grundlage für ein gleichberechtigtes Miteinander künftig selbstverständlich sein !